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Migrationssensible Beratung

Berater und Beraterinnen sind für Zugewanderte, die in Sachsen-Anhalt einen Ausbildungsplatz oder eine Anstellung finden möchten, zentrale Ansprechpartner/-innen. Sie kennen die besonderen Herausforderungen, denen sich die Migranten/-innen stellen müssen sowie auch die zuständigen Stellen, z.B. zur Anerkennung von beruflichen Abschlüssen.

Ebenso wichtig wie das Fachwissen der Berater/-innen ist ein sensibler Umgang mit den Klienten. Häufig haben die Klienten bereits Diskriminierungserfahrung auf Grund ihrer Herkunft, Religion oder ihres Geschlechts gemacht. Ihnen in der Beratung mit Wertschätzung und Anerkennung zu begegnen sowie Vielfalt als Mehrwert für den Arbeitsmarkt zu erkennen, sind Voraussetzungen für ein Gespräch oder eine Begleitung, die den Bedarfen der Migranten/-innen gerecht wird.

Sowohl für hauptamtlich Tätige in kommunalen Verwaltungen, wie dem Sozialamt oder der Ausländerbehörde, der Agentur für Arbeit, den Jobcenter und vielen weiteren Institutionen und Vereinen als auch Ehrenamtliche, die Zugewanderte beim Prozess der Arbeitsmarktintegration beraten, benötigen entsprechende migrationssensible Beratungskompetenzen. Das heißt, sie müssen in der Lage sein, die spezifischen Herausforderungen zu erkennen, die sich auf Grund der individuellen Migrationsgeschichte der Ratsuchenden ergeben. Migrationssensible Beratung bedeutet Zugewanderten handlungsorientiert Wege in den sachsen-anhaltinischen Arbeitsmarkt zu zeigen.

Die Grundlagen einer migrationssensiblen beschäftigungsorientierten Beratung wurden von der IQ Fachstelle Interkulturelle Kompetenzentwicklung und Antidiskriminierung im Schulungshandbuch „Grundlagen migrationsspezifischer Beratung. Ein Pilotprojekt mit der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit“ zusammengefasst.

Die Grundlagen der migrationssensiblen beschäftigungsorientierten Beratung sind:

Kenntnis der Rechtsgrundlagen
Eine  Voraussetzung für Beratung im Kontext Arbeitsmarktintegration ist die Kenntnis wesentlicher Rechtsgrundlagen. Hierzu gehören das Arbeits- und Aufenthaltsrecht, die Asylgesetzgebung, die Beschäftigungsverordnung sowie auch das zweite Sozialgesetzbuch. Nähere Informationen zu diesen Rechtsgrundlagen finden Sie im Themenfeld Ankommen.

Informationen über lokale Strukturen der Arbeitsmarktintegration sowie Kooperationen mit Anlaufstellen und mit Migrantenselbstorganisationen vor Ort (diese finden Sie auf unserer virtuellen Landkarte) dienen der professionellen Beratung. Mit den anderen Akteuren können Sie sich über mögliche Konsequenzen und Folgeschritte beraten.

Sprachbarrieren entgegenwirken
Einfache Regeln der leichten Sprache ermöglichen es Ihnen in der Beratung Sprachbarrieren zu mindern. Tipps zur Leichten Sprache geben verschiedene Ratgeber und Internetseiten (demnächst unter der Rubrik Fachinformationen für Akteure und Unternehmen beim Thema Interkulturelle Kommunikation und Sprache).

Der Einsatz von Sprachmittler/-innen, Visualisierungshilfen sowie mehrsprachigem Informationsmaterial kann Sie zusätzlich im Arbeitsalltag unterstützen.

Sprachmittler/-innen mit Kenntnissen verschiedener Sprache werden beispielsweise über das Projekt SiSA des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt vermittelt. Sie unterstützen Migranten/-innen beispielsweise als ehrenamtliche Telefondolmetscher/-innen oder Begleiter/-innen bei Terminen. Das Ziel von SiSA ist eine kultursensible Vermittlung zwischen den Gesprächspartnern/-innen.

Tipps zu Merkmalen und Strategien zur sprachsensiblen Beratung für Berater/-innen gibt die IQ Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch. In der Publikation „Sprachsensibel beraten“ finden sie einfache Redemittel, eine Checkliste zum eigenen Sprachgebrauch und Lösungsvorschläge für die Praxis.

Wie Begriffe aus dem SGB II leicht umschrieben und erklärt werden können, zeigt das „Wörterbuch SGB II leichte Sprache“ des Förderprogramms IQ in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk zur beruflichen Integration von Migrantinnen und Migranten.

Manchmal braucht es zum Verständnis von spezifischen Fachbegriffen des SGB II zusätzliche Hilfen. Das IQ Förderprogramm hat in „Visualisierungshilfe SGB II“ entsprechende Kärtchen entwickelt, die in den Sprachen Deutsch, Arabisch, Bulgarisch, Englisch, Farsi, Französisch, Paschtu, Polnisch, Rumänisch, Russisch und Türkisch erhältlich sind.

Um Zugewanderte in Ausbildung und Arbeit zu integrieren, kann es hilfreich sein, zunächst mit den Klienten/-innen über ihre Stärken zu sprechen und Kompetenzen zu erkennen. Hierfür hat das Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung und sieben Wohlfahrtsverbänden Kompetenzkarten für die Migrationsberatung entwickelt. Die Kompetenzkarten sind sowohl auf die Bedürfnisse der Migranten als auch auf die der Berater zugeschnitten. Sie sind praxisnah, visualisieren die Kompetenzen der Klienten/-innen und bilden eine Grundlage für den weiteren Beratungsprozess. Die Kompetenzbegriffe sind in sieben Sprachen übersetzt: Englisch, Französisch, Russisch, Arabisch, Farsi, Türkisch und Tigrinya.Weitere Informationen zu den Karten finden Sie auf der Seite der Bertelsmann Stiftung. Hier können Sie die Kompetenzkarten bestellen oder die Handreichung herunterladen.

Schnelle und leicht zugängliche Informationen zum Weg in Ausbildung und Arbeit bietet die mehrsprachige App „Ankommen“, welche vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), der Bundesagentur für Arbeit (BA) und dem Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk (BR) entwickelt wurde.

Diskriminierungssensible Gestaltung der Beratung
Um eventuell erlebten Diskriminierungserfahrungen der Ratsuchenden zu begegnen, hilft es, die eigene Beratung diskriminierungssensibel zu gestalten. Dazu gehört beispielsweise die Grundsätze gendersensibler Beratung zu kennen und Berufsfelder geschlechtsneutral vorzustellen, Geschlechterstereotype zu reflektieren und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu thematisieren. Darüber hinaus lohnen sich Kenntnisse des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes, um über die rechtlichen Grundlagen von Diskriminierungserfahrungen zu informieren und den Ratsuchenden die passenden Beratungsstellen aufzuzeigen. Informationen zum Thema Diskriminierung und dem Umgang mit Antidiskriminierungsstrategien finden Sie bald auf unserer Themenseite Fachinformationen für Akteure und Unternehmen.

Entdecken von Stärken und Potenzialen
Die eigenen Stärken und Potenzialen zu kennen, hilft bei der Erstellung eines individuellen Bewerberprofils. Dabei ist es hilfreich auch die außerberufliche Interessen und Aktivitäten des Ratsuchenden einzubeziehen. Gegebenenfalls kann ein migrationsspezifische Kompetenzfeststellung dabei unterstützen, informelle Kompetenzen zu erkennen und zu benennen. Die Praxishandreichung „Migrationsspezifische Verfahren zur Kompetenzfeststellung für Agenturen für Arbeit, Jobcenter und Arbeitsmarktakteure“ der IQ- Fachstelle Beratung und Qualifizierung zeigt unterschiedliche Kompetenzfeststellungsverfahren für Menschen mit Migrationshintergrund. Diese können proaktiv im Beratungsprozess eingesetzt werden.

Sensibler Umgang mit Differenz
Als beratende Person ist eine Sensibilität für Differenz unerlässlich: Beratung kann nicht unberücksichtigt der individuellen Voraussetzungen, Erfahrungen, Möglichkeiten und Bedarfe stattfinden. Ein sensibler Umgang mit Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, sozialer oder gesellschaftlicher Herkunft und Prägung, Aussehen, Religion und Weltanschauung ist Voraussetzung für ein wertschätzende und reflektierte Beratung. Daher ist der Erwerb interkultureller Kompetenz für Beratende eine Grundvoraussetzung.

Für einen sensiblen Umgang mit religiöser und weltanschaulicher Vielfalt in Verwaltungen und Unternehmen bietet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in ihrer Broschüre „Religiöse Vielfalt am Arbeitsplatz“ Grundlagen und Praxisbeispiele zur praktischen Umsetzung.

Das Ziel einer professionellen migrationsspezifischen Beratung ist die Weitergabe von Informationen, die auf die individuelle Lebenssituation des Ratsuchenden zugeschnitten sind. Der Ratsuchende erwirbt durch eine gute Beratung notwendiges Wissen, um auf dem Arbeitsmarkt anzukommen. Er/ sie wird befähigt, die Herausforderungen der Arbeitsmarktintegration selbstständig zu meistern.

Wie Sie sich Fach- und Sozialkompetenzen einer migrationssensiblen Beratung im Arbeitsmarktkontext aneignen und in der Praxis nutzen können, erläutert das Schulungshandbuch „Grundlagen migrationsspezifischer Beratung“ der IQ Fachstelle Interkulturelle Kompetenzentwicklung und Antidiskriminierung. Das Konzept wurde als Hochschulmodul an der Hochschule der Bundesagentur für Arbeit durchgeführt. Es umfasst Erfahrungen der beteiligten Teilnehmenden. Hier finden Sie Übungen und Konzepte zu unterschiedlichen Themenbereichen wie interkulturelle Sensibilisierung und Umgang mit Differenz, Umgang mit Mehrsprachigkeit und Umgang mit Diskriminierungserfahrungen Ratsuchender, die innerhalb der migrationspezifischen Beratung relevant sind.

Weitere Informationen zur Implementierung einer migrationssensiblen Beratungspraxis:

Eine Methode zur Unterstützung ihrer Beratungspraxis ist das Case-Management Verfahren. Dieses ist sowohl ein Methoden- wie auch ein Haltungskonzept, welches als Instrument in vielen Beratungsfeldern eingesetzt wird. Ein Ziel der Methode ist die ständige Reflexion der eigenen Beratungspraxis, um sich proaktiv auf unterschiedliche Beratungskonstellationen einlassen zu können. Einen Einblick gibt die Arbeitshilfe „Case Management in der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE) – Eine Arbeitshilfe“ des Paritätischen Gesamtverbandes.

Die Arbeitshilfe „Organisation, Reflexion und Qualitätssicherung der Beratungsprozesse“ des Paritätischen Gesamtverbandes beschäftigt sich mit dem organisatorischen Umgang der Beratung sowie mit besonderen Situationen im Arbeitsalltag der Beratenden. Die Arbeitshilfe greift Aspekte wie Zeit- und Organisationsmanagement auf. Dabei wird darauf hingewiesen, dass Beratende achtsaeim sein müssen, zugleich auch auf sich selbst achten müssen. Die Arbeitshilfe beinhaltet des weiteren Tipps zur professionellen Aktenführung.  Der Umgang mit herausfordernden Beratungssituationen wird erörtert. Als eine neuere Art der Beratung wird die Gruppenberatung vorgestellt.

Um möglichst viele Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen, nutzen Akteure zunehmende die Möglichkeiten der virtuellen Beratung. Sie arbeiten mit E-Mail- Beratungen, Beratungen über soziale Medien wie Facebook oder über Apps. Wichtig ist hierbei allerdings, dass auf den Datenschutz geachtet wird. Welche Maßnahmen für den sensiblen Umgang mit personenbezogenen Daten zu treffen sind, zeigt anschaulich die Broschüre „Datenschutz in der Migrationsberatung“ des Paritätischen Gesamtverbandes. Diese beinhaltet eine Datenschutz-Checkliste. Mit dieser können Sie Ihre virtuelle Beratung nach datenschutzrechtlichen Kriterien beurteilen.

Migrationssensible Beratung setzt voraus, dass der Beratende versteht, dass der Ratsuchende auf Grund seiner Migrationsgeschichte spezifische, häufig negative Erfahrungen gemacht hat. Die Publikation 'Wo kommen Sie eigentlich ursprünglich her?' Diskriminierungserfahrungen und phänotypische Differenz in Deutschland des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration stellt die subjektiven Benachteiligungswahrnehmungen von Zugewanderten dar. Der Policy Brief gibt Beratenden somit einen Einblick in die Erfahrungen von Migrant/-innen und Migranten. Gezeigt wird, wie das phänotypische Erscheinungsbild einer Person mit ihrer Diskriminierungserfahrung zusammenhängt. So sind Menschen, denen auf Grund ihres Erscheinungsbildes eine ausländische Herkunft zugeordnet wird, häufiger von Diskriminierung betroffen als andere. Zudem werden Unterschiede zwischen den Herkunftsgruppen und zwischen Angehörigen verschiedener Religionen untersucht.

Hintergrundinformationen, Fakten und Statistiken für das Beratungsgespräch

Die Studie „Musliminnen und Muslime in ländlichen Räumen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – Wie kann Verwaltung neue Aufgaben gut meistern?“ (2018) (http://library.fes.de/pdf-files/dialog/14716.pdf), von der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung, ergründet, wie die Integration von Muslim/-innen in ostdeutschen Kommunen gelingen kann. Dabei widmet sich die Studie praktischen Fragen des Zusammenlebens und liefert Hintergrundwissen über Religionsausübung und Gemeindeleben von Muslim/-innen, Umgang mit Muslimfeindlichkeit und religiösen Extremismus.